In der guten alten Zeit gehörte das Instrument einer Verschwörung, eines Komplotts, zur Basis-Ausrüstung jeder Politik. Verschwörer brachten zum Beispiel 44. v. Chr. im römischen Senat Julius Cäsar um. Verschwörer im deutschen Militär wollten Hitler töten. (Ein Mann versuchte es im Alleingang und hätte fast Erfolg gehabt; das war per definitionem keine Verschwörung, denn es gab keine Mitwisser.) Verschwörer am Zarenhof brachten den stinkenden Bettelmönch Rasputin um. Undsoweiter undsoweiter; die Liste ist endlos.

Aber irgendwann wurde es kompliziert. Als natürlich klar war, dass es in der Politik ständig Verschwörungen gibt, tauchte ein neues Element auf: Der Vorwurf der Verschwörung als politisches Kampfmittel. Der politische Gegner wurde beschuldigt, er habe sich zu irgendeinem meuchlerischen Zweck verschworen. Bestes Beispiel sind die Adligen und Priester, die nach der Französischen Revolution behaupteten, diese sei das Werk von Verschwörern gewesen. Hier diffamierte man insbesondere progressiv denkende, aufklärerische Gruppen, zum Beispiel die Freimaurer oder den Bund der Illuminaten (prominente Mitglieder: Goethe, Mozart). Dass diese Gruppen meist geheim tagen mussten, um sich nicht der staatlichen Repression auszuliefern, gab dem Vorwurf zusätzliche Nahrung.

Der schlimmste Verschwörungs-Vorwurf ist sicher der gegen die Juden, sie würden eine Weltregierung anstreben. Was dieser nahezu psychotische Verschwörungsmythos für Unheil angerichtet hat, weiß jeder.

Heute sind wir nun, das ist meine These, beim nächsten Schritt angekommen. Meiner Meinung nach ist es ein Schritt in die Idiotie. Achtung: Heute beschuldigt man den politischen Gegner nicht mehr, er verschwöre sich, sondern man beschuldigt ihn, er „verbreite Verschwörungstheorien“. Ausgehend von der richtigen Erkenntnis, dass die Diffamierung eines Gegners als „Verschwörer“ Riesen-Unheil anrichten kann, schüttet man jetzt das Kind mit dem Bade aus und verurteilt jede „Verschwörungstheorie“ als Unheil bringenden Unsinn. (Mit diesem Gebrauch des Wortes haben im Übrigen die Amis angefangen, als sich im Kennedy-Mordfall Zweifel an der Einzeltäter-Hypothese regten.)

Wie man aber bei kurzem Innehalten mit Leichtigkeit erkennen kann, bleibt damit die Realität, dass es Verschwörungen nach wie vor gibt, natürlich völlig unangetastet. Das politische Werkzeug der Verschwörung hat sich sozusagen bestens bewährt; wieso sollte man es auf einmal nicht mehr nutzen? Agenten fahren ins Ausland und vergiften dort missliebige Dissidenten; eine Clique von Superreichen trifft sich im Hotel oder im Internet und zieht einen groß angelegten Umsatzsteuerbetrug durch; ein Automobilkonzern zockt mit einer Marketing-Lüge seine Kunden ab; ein Geheimdienst führt eine Aktion durch, bei der eine Pipeline gesprengt oder eine missliebige Regierung gestürzt wird undsoweiter undsoweiter. Bei all dem verabreden sich Menschen im Geheimen, um etwas Illegales oder zumindest moralisch Anrüchiges durchzuziehen. Irgendwann fliegt es auf – oder auch nicht; man weiß zum Beispiel immer noch nicht, wer am 28. Februar 1986 den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme erschossen hat. Was man weiß: dass es dazu höchstwahrscheinlich eine Verschwörung gegeben hat. Nur welche diesbezügliche Theorie die richtige ist – das ist nie aufgeklärt worden. Das wäre dann also die perfekte Verschwörung gewesen.

Das heißt: Wer heute mit wohlfeiler Besserwisser-Attitüde anderen „Verschwörungstheorien“ vorwirft, macht sich komplett lächerlich, denn er oder sie benutzt einen idiotischen, weil nicht trennscharfen Begriff. Aber die das Wort so benutzen, wollen ja auch gar nicht der Erkenntnis dienen. Das Wort soll diffamieren; es soll die, die skeptisch sind und nachdenken, der Lächerlichkeit preisgeben; es soll uns auffordern, unbesehen alles zu glauben, was Massenmedien und Politik uns servieren.

Wenn uns aber nicht mehr bewusst ist, dass das Instrument der Verschwörung natürlich nach wie vor genutzt wird, dass es also nur darum gehen kann, ob an einer VT/VE etwas dran ist oder nicht und ob es sich beweisen lässt oder nicht – dann haben wir unseren kritischen politischen Verstand endgültig abgegeben. Dann behaupte ich einfach, Sie würden „Blablablablabla“ (Sie wissen schon), und ihre Argumente sind in Bausch und Bogen erledigt. Der Vorwurf, man „verbreite Verschwörungstheorien“, würde de facto zum Denkverbot.         

Das wäre allerdings das Ende jeder rationalen politischen Diskussion. Fairerweise sei angemerkt, dass dieses Problem manchen bewusst ist, die deshalb vorgeschlagen haben, man solle zwischen „Verschwörungs-Mythen“ (dem haltlosen Unsinn) und „Verschwörungstheorien“ (als neutrale Bezeichnung) differenzieren. Das wäre schön und sinnvoll, und ich unterstütze es voll und ganz. Es täte uns allen gut, und eine Menge Aufregung bliebe uns erspart. Ich würde als seriöse Alternative das Wort „Konspirationsverdacht“ vorschlagen.

Leider läuft es nicht so, und das ist schlecht. Da sagt zum Beispiel in einer öffentlichen Umfrage jemand, er oder sie glaube, dass der Westen eine Teilschuld am Ukrainekrieg habe. Könnte man erstmal als nicht völlig unplausibel stehen lassen, nach allem, was man zum Beispiel über den Themenkomplex „NATO-Osterweiterung“ weiß. Aber wenn diese These in einem Artikel (BZ, 6. 5. 22) dann als Beleg gelten soll, „wie weit verschwörungsideologisches Gedankengut mittlerweile in Teile der Gesellschaft vorgedrungen ist“, dann ist das genau der undifferenzierte grenzdebile Schwachsinn, der unbedingt vermieden werden sollte. Will denn irgendjemand im Ernst ausschließen, dass die Ukraine oder die USA Interessen verfolgen, von denen wir nichts wissen? Und auch nichts wissen sollen? Nach all dem, was wir über das imperiale Gehabe unserer Ami-Freunde wissen? Eben.

(Zur Vorbeugung und damit das gleich klar ist: Mit dieser Argumentation spreche ich den Herrn mit den Schweinsäuglein im Kreml und seine Helfershelfer NICHT frei. Im Gegenteil. Ich glaube nur nicht, dass allein dort „die Bösen“ sind und allein hier, „bei uns“, „die Guten“. Mit dieser Idiotenlogik aus dem Wilden Westen sollte endlich Schluss sein.)

Wenn wir hier nicht mehr kritisch nachdenken sollen, dann kann uns in Zukunft jeder mit irgendeiner Story über den Tisch ziehen. Dann werden wir das gutgläubige und willfährige Opfer jeder Propagandalüge. Das kann es ja wirklich nicht sein.

P.S. Meine Darstellung stützt sich vor allem auf das "Kursbuch" Nr. 124 vom Juni 1996, Rowohlt-Verlag Berlin; insbesondere auf Gundolf Freyermuths dortige Bemerkung, S. 26: "Meine Analyse geht nicht auf tatsächliche Verschwörungen ein, deren Existenz ich keinesfalls leugne. Verschwörungen, etwa zum Sturz eines Herrschers oder Tyrannen, kommen in der Realität vor (...)"