"Hamnet" ... ein Abgrund von Geschichtsfälschung & Fake News
Das überwältigend positive Echo, das ein Film wie "Hamnet" hervorruft, der - um einer rührseligen Geschichte willen - hemmungslos Fakten und Geschichte verdreht und fälscht, lässt mich zu der traurigen Überzeugung kommen, dass wir kulturell auf der nächsten Tiefebene der Verblödung angekommen sind. Ich will sagen, warum ich das denke.
Ich habe hier bereits geschrieben, dass das Dorfkind "Hamnet Shaxpere" (1585-1596) und der (fiktive) Dänenprinz "Hamlet" aus dem gleichnamigen Shakespeare-Drama inhaltlich nichts, aber auch wirklich gar nichts miteinander zu tun haben. Zwischen ihnen klafft ein meilenweiter & meilentiefer ABGRUND. Die Suggestion, der Dichter habe durch sein Schreiben also einen privaten "Verlust bewältigt", man sehe, wie aus Trauer Kunst entstehe und was (in diesem konkreten Fall) dergleichen Schwachheiten mehr sind, ist also völlig unhaltbar. Beides zu verknüpfen, als hätte es etwas miteinander zu tun, ist Schwarze Magie, Voodoo, übelste Manipulation. Die wird auch nicht besser, wenn sie von einem Professor Stephen Greenblatt unterstützt wird, der Maggie O'Farrells Romanvorlage offizielle Weihen verleiht und in seinem Essay von 2004 mit einem Wortschwall ohnegleichen uns weiszumachen versucht, das habe der Bühnenprofi SHAKE-SPEARE halt so zu machen gelernt.
Aber nicht nur hier lügt sich der Film hemmungslos die geschichtlichen Fakten zurecht. So behauptet er zB auch, Will Shaxpere sei in Stratford "Lateinlehrer" gewesen. Leute: Um Lateinlehrer an einer Grammar School sein zu können, hätte unser lieber Will, wäre er mit sechs Jahren (also 1570) eingeschult worden, nach Grundschule (ca. 1570 - 1573), Grammar School (sieben Jahre, 1573 - 1580) noch ein Universitätsstudium absolvieren müssen (zB in Oxford, 1580 bis mindestens 1584). Fair enough. Aber frühestens ab diesem Zeitpunkt also, 1584, im Alter von zwanzig Jahren, hätte er in Stratford Lateinlehrer sein und dort sein Wirken beginnen können. Komischerweise weiß man von drei Lehrern in Shaxperes Schulzeit (Walter Roche, Simon Hunt und Thomas Jenkins) die Namen und Lebensdaten; warum also nicht von unserem Will? 1582 heiratet er Anne Hathaway (niemand weiß etwas von einer "Agnes", wie sie der Film & Maggie O'Farrells Roman auftreten lassen!). 1585 werden die Zwillinge Hamnet und Judith geboren. Da aber, so will es die traditionelle Legende, beginnen schon die "lost years", die Shaxpere gottweißwo verbringt und an deren Ende er in London theatralisch Furore macht. Er kann also beim besten Willen nicht Lateinlehrer in Stratford gewesen sein. Diese dreiste Lügengeschichte wird nur deshalb erfunden, weil der echte Barde SHAKE-SPEARE dermaßen umfassend beschlagen gewesen sein muss, dass er zB lateinische Quellen im Original las.
Dass dieser ganze Müll kritiklos geschluckt wird (ich habe unter etwa 30 reviews nur eine einzige ernsthaft kritische gesehen), ist ein klarer Beleg dafür, dass es im Film- und Literaturgeschäft nicht mehr um echte Qualität geht. Eine echte Enttäuschung war hier auch Denis Scheck, der sich ebenfalls in den Chor der Jubler einreiht und den ich bisher eigentlich für relativ unbestechlich hielt....
Wichtig ist scheinbar nur noch, dass man sich in einer Schmonz- und Schnulzgeschichte emotional überwältigen lassen und hemmungslos ausheulen darf. Dafür haben sich die Edelnutten des Filmgeschäfts ja auch gleich mal prophylaktisch für acht Oscars nominiert. Ich habe es allerdings noch nie vertragen können, wenn mir mit durchsichtigen Mitteln auf die Tränendrüse gedrückt wurde. Und nach den letzten sechs Jahren, in denen wir jeden Tag nach Strich und Faden emotional manipuliert und vergewaltigt wurden, habe ich von verlogenen emotionalen Überwältigungsgeschichten die Schnauze sowieso gestrichen voll.
Für die Lebensdaten von Will Shaxpere aus Stratford folge ich der traditionellen Chronologie (1564 - 1616). Meine Quelle: das Standardwerk "Shakespeare-Handbuch", hrsg. von Ina Schabert, Stuttgart 1978. Außerdem: der Essay "Deutschland ist Hamlet" von Walter Muschg, in: "Die Zerstörung der deutschen Literatur", S. 227, Zürich 2009.
Fairerweise muss ich anmerken, dass es Verstümmelungen, Umdeutungen, Vereinnahmungen des Hamlet-Dramas schon von Anfang an gab, vor allem in Deutschland. Mit Goethe beginnt es, und 1773 wird "Hamlet" in Wien zum ersten Mal gespielt, in einer verstümmelten Fassung: da besteigt Hamlet siegreich den Thron, statt zu sterben, und wird dadurch ein Popstar so wie "Werther". Die Engländer machten solchen Quatsch nicht mit; die spielten landauf, landab den Originaltext, und in dem sterben fast alle (außer Horatio & Fortinbras). Dass aber eine Autorin und eine Regisseurin auf die Idee kommen, einer der größten Dichter der Weltgeschichte habe in diesem Adels-Polit-Thriller einen privaten Verlust verarbeitet, obwohl nichts, aber rein gar nichts zusammenpasst - das ist schon eine neue Qualität der Verblödung.
Hier der Link zu einer der wenigen kritischen Reviews: https://www.youtube.com/watch?v=fHbZ87NQQ9w
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